notizen aus dem beteiligungsuniversum

 

20180816_Foto_Dynamic Facilitation„Überall lauern Lösungen“ – so das Motto beim Dynamic Facilitation Training, das ich vor kurzem in St. Virgil besucht habe. Lauern… das Wort klingt nach etwas Unerwartetem, Bewegtem, Explosionshaften. Wie eine Katze, die man nicht sieht und nicht hört, sich anschleicht und plötzlich vor einem steht und lautstark maunzt. Und genau das ist es, was Dynamic Facilitation will: Lösungen frei schaufeln, wo keine Lösungen mehr sichtbar sind. Veränderung bringen, wo keine Bewegung mehr stattfindet. Durchbrüche schaffen, wo Konflikte versteinert scheinen.

Dynamic Facilitation ist eine Moderationsmethode – von Jim Rough ins Leben gerufen – für offene Gruppendiskussionen. Aber es ist viel mehr und doch viel weniger als das. Gerade für uns, die wir glauben, einiges über Moderation zu wissen, gilt es wachsam zu sein. Gleich zu Beginn warnte uns Matthias zur Bonsen (unser informierter und inspirierender Trainer zugleich), dass wir sehr wahrscheinlich einige unserer zuvor gelernten „Wahrheiten“ über Moderation wieder verlernen müssten.

Worum geht es? Die Moderationsrolle bei Dynamic Facilitation ist scheinbar simpel. DF-ModeratorInnen sind da, um

  • hinzuhören,
  • Kreativität zu wecken und zu schützen,
  • und zu verlangsamen.

Geschenkt! Mag sich da jede/r denken. Wie einfach!

Und doch: nur zuzuhören, ohne über Fragen steuernd einzugreifen, erfordert ein höchstes Maß an Konzentration und Bewusstsein.

Natürlich stellen auch DF-ModeratorInnen Fragen. Doch sie fragen weder, um die Sprechenden auf eine bestimmte Fährte zu bringen, noch um sie auf einem roten Faden zu halten. Im Gegenteil. Wohin die Sprechende zieht, dahin geht die DF-ModeratorIn mit. Anstatt auf einer Linie von A nach B zu gehen, tanzt die ModeratorIn im Rhythmus mit den Sprechenden. Daher ist die offenste aller Fragen zugleich auch die zentralste für Dynamic Facilitation: „Erzähl mir mehr!“.

Diese Frage ist eine Einladung zum freien Erzählen. Sie eröffnet die Phase der „Reinigung“ (purge), wie Jim Rough sie nennt. Die Sprechenden werden zu Beginn einer Session eingeladen, ausführlich all ihre Gedanken zu einem kritischen Thema oder einer kontroversen Fragestellung zu äußern. Alles ist hier erlaubt, solange die DF-Moderatorin angesprochen wird. Wir sind Ohr und Sandsack zugleich. Ohr für alles, was gesagt werden will und Sandsack für alle Gefühle, die im Prozess des Sprechens hochkommen und potenziell andere TeilnehmerInnen belasten könnten.

Bedenken, (Lösungs)Ideen, Informationen und eventuell neu auftauchende Themen oder Fragen: DF-ModeratorInnen notieren alles auf Flipcharts, solange, bis die Sprechende von selbst aufhören möchte. Dann geht unsere Aufmerksamkeit auf die nächste Person über und er ist daran, seine Gedanken zu „leeren“.

Beide Rollen: die des Zuhörenden (Ohr) und des Beschützenden (Sandsack) sind schwierig. Dazu gehört nämlich auch (Denk)Pausen, Umwege und Unsicherheiten beim Sprechenden zuzulassen. Das verlangt von uns als ModeratorInnen, unsere eigenen Vorstellungen, Ideen oder Einwände auf ein höchstes Maß zurückzunehmen. Wir sind nur „Verbindung“; zwischen den Sprechenden und den Flipcharts, wo alles Gesprochene dokumentiert wird.

Irgendwann, so die die Erfahrung von Dynamic Facilitation, ist das Bedürfnis des Sich-Entleerens befriedigt, weil negative Gefühle (Bedenken, Sorgen, Wut, Trauer usw.) ungehindert geäußert werden konnten. Darin ähnelt die Methode einer Mediation. Auch dort geht es darum, Gefühle und Bedenken herauszuarbeiten und gleichzeitig andere Anwesende vor diesen Gefühlen zu schützen. Erst dann kann auf die Ebene der Gedanken (zurück?) gegangen werden. Bis alle zu dem Thema der Sitzung gesprochen haben, die sprechen wollten.

Bis zu diesem Punkt ist Einiges an Zeit vergangen. Eine Dynamic Facilitation mit 10-15 Personen (die ideale Gruppengröße) dauert je nach Thema oder Fragestellung mindestens zwei bis eher vier Stunden. Bis dorthin ist aber auch etwas passiert, was bei linearen Moderationsmethoden selten erreicht wird: ein Tor hat sich geöffnet für kreatives Denken (flow), für neue Einsichten und Lösungen sowie für ein Gefühl der Gemeinschaft, wo vorher meist keines war. Dies alles wird auch dadurch möglich, weil die ModeratorIn als Kreativitätsweckerin und Verlangsamerin gewirkt hat. Ihre Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Sprechenden und ihre Geduld eröffnet erst den Raum für schöpferisches Denken und Kreativität. Die Teilnehmenden können offen reden und müssen keine Angst haben, dass ein Beitrag verloren geht. Das schafft Vertrauen – was wiederum Verbundenheit in der Gruppe erzeugt.

Insofern ist Dynamic Facilitation vielleicht auch wieder gar nicht so kompliziert. Nicht zuletzt gilt: durch Übung wird man/frau MeisterIn. Daher die Anregung von Matthias zur Bonsen zum Schluss des Trainings: übt, sobald und solange ihr könnt! Danke, lieber Matthias. Das nehme ich mir zu Herzen.

 

Weiterführende Informationen:

Zubizarreta, Rosa und zur Bonsen, Matthias (Hrsg.) (2014): “Dynamic Facilitation: Die erfolgreiche Moderationsmethode für schwierige und verfahrene Situationen.” Basel: Beltz Verlag.

Mehr Informationen auch online: https://www.partizipation.at/dynamic_facilitation.html

 

 

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