notizen aus dem beteiligungsuniversum

20181015_Foto_Pixabay.com_kleinDer Erfolg einer Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft hängt in besonderem Maße davon ab, in welchem Ausmaß es uns gelingt, unser Verhalten im Alltag zu verändern. Trotz Umweltbewegung, trotz Bio/Fair- und Nachhaltigkeitsbemühungen, trotz verbreitetem Wissen über die Folgen nicht-nachhaltigen Verhaltens, ist jedes Jahr ein Rekordjahr in Sachen Energie- und Ressourcenverbrauch und Emissionen – mit Ausnahme des Krisenjahrs 2009. Die Menge der verfügbaren Dinge wächst unaufhörlich. Der positive Effekt, Güter biologischer oder nachhaltiger zu produzieren wird durch die negativen Effekte der schieren Gütermenge und des damit verbundenen Ressourcenverbrauchs unmittelbar wieder „aufgefressen“. So wächst etwa der Konsum an Möbeln in den westlichen Ländern alle 10 Jahre um 150 Prozent, die Menge an Kleidern verdoppelt sich jedes Jahrzehnt, Autos „wachsen“ – wog ein VW Golf, als er erstmals auf den Markt kam, 750 kg, so wiegen die heutigen Golf-Modelle 1.200 kg.

Es ist ganz offensichtlich – das Wissen über den prekären Zustand der Welt bringt noch nicht zwangsläufig eine Verhaltensänderung mit sich. Das zeigt sich auch daran sehr deutlich, dass wir gut ausgebildete Mittelschichtsangehörige zwar einerseits zu Bio-Produkten greifen, jedes Papierstreifchen brav recyclen wollen und es anderen übelnehmen, wenn sie das nicht in gleichem Maße tun. Andererseits lassen wir es uns nicht nehmen, mindestens einmal im Jahr mit dem Flieger in den Urlaub düsen, neben beruflich notwendigen Flügen, versteht sich. Die meisten von uns, die wir uns für Nachhaltigkeit engagieren, haben trotz aller Rhetorik einen riesigen ökologischen Fußabdruck.

Wie also kann Veränderung in Gang kommen?

Wir müssen Dinge anders machen – auf allen Ebenen. Und eine große Schwierigkeit dabei ist: Bei drastisch veränderten Rahmenbedingungen hilft uns unser Erfahrungswissen nicht, sondern wir brauchen andere Strategien als die, mit denen wir bisher erfolgreich waren.

Die gute Nachricht: Es gibt bereits neue Strategien und soziale Innovationen, also veränderte Alltagspraxen, andere Organisationsformen. In vielen Nischen, entgegen dem Mainstream des immer mehr, immer schneller und immer billiger.

Eine Soziale Ökonomie – die Social Entrepreneurs – ist im Entstehen, die sowohl Elemente der herkömmlichen Ökonomie enthält, als auch neue Elemente. Neben einer starken Wertebasierung weist sie zwei zentrale Charakteristika auf:

  • Das Nutzen von sozialen Netzwerken, von Informationstechnologie zur Kommunikation und den Vertrieb der Güter
  • Der Fokus auf den Menschen, auf Zusammenarbeit, auf regelmäßige Interaktion, Partizipation, gemeinsames Tun zur Aufrechterhaltung des Betriebs, auf gemeinsames demokratisches Entscheiden statt auf starre Systeme und Strukturen.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist etwa Buurtzorg in den Niederlanden, wo ein Mensch, Jos de Blok, der konstatierte, dass das bestehende Hauskrankenpflege-System, weder den Kranken noch den Pflegenden guttat, eine Revolution lostrat: Er startete mit einem achtköpfigen selbstorganisierten Team und änderte damit in wenigen Jahren die Struktur der Hauskrankenpflege von Grund auf. Heute arbeiten ca. 10.000 Menschen in solchen kleinen selbstorganisierten Teams ohne administrativen Apparat und Hierarchie.

Weitere gute Beispiele sind im Lebensmittelbereich Food Coops oder Community Supported Agriculture (CSA). Ich beziehe meine Lebensmittel von Ochsenherz, einem CSA-Betrieb. Das bedeutet, ich zahle meinen Ernteanteil bereits zu Beginn des Jahres, ermögliche dem Betrieb besser planen und faire Löhne zahlen zu können und bekomme dafür jede Woche knackig frisches Gemüse in großer Diversität. Auch beim Wohnen wird die Sehnsucht nach Gemeinschaft, Teilen und Solidarität immer breitenwirksamer: Gemeinschaftliche Wohnprojekte sprießen in ganz Österreich aus dem Boden. Auch Co-Housing und Öko-Dörfer sind Varianten dieses Phänomens. Auch im Energiesektor lässt sich Ähnliches zeigen: Engagierte BürgerInnen schließen sich zusammen, gründen Energiegenossenschaften, Bürgerkraftwerke, also die dezentrale Energieproduktion in BürgerInnenhand.

Anhand erfolgreicher Beispiele können wir sehen, dass es drei Dinge braucht, damit soziale Innovationen Wirkung zeigen: Neue spezifische Organisationsformen, strategische Bündnisse und Netzwerke und co-kreative Methoden.

Fazit

  • Wir müssen Veränderungsprozesse systemisch und integrativ betrachtet – Wandel funktioniert nicht ohne die integrale Adressierung aller Dimensionen (sozial, institutionell, technologisch etc.)
  • Nachhaltiger Wandel kann ohne die Beteiligung der breiten Öffentlichkeit nicht gelingen. Um alle Segmente der Gesellschaft ansprechen zu können, braucht es vielfältige methodische Ansätze, die inklusiv sind.
  • Inklusion und Co-Kreation braucht vor allem erfahrene ProzessbegleiterInnen, die eine achtsame inklusive Grundhaltung bei der Gestaltung und Begleitung von co-kreativen Prozessen „leben“, über hohe Sensibilität und umfassendes methodisches Wissen verfügen.
  • Die Öffentliche Hand kann durch Förderung von Pilotprojekten, Gestaltung von Rahmenbedingungen das Scaling up von bereits bestehenden guten Beispielen sozialer Innovationen unterstützen.

 

 

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